„Hullerbreikochen“ in Kemend
Eine schöne Tradition war in Kemend/Máriakéménd das Hullerbreikochen. Im Herbst, wenn die Arbeit auf den Feldern und in den Weingärten getan war und der Attich, bei uns Oddich oder auch Huller genannt, schön schwarz und reif war, dann wurde der Hullerbrei gekocht. Der Attich wächst nicht wie der richtige Holunder auf großen Sträuchern, sondern er ist eine Staudenpflanze. Oben auf den Stängeln befindet sich eine große Dolde mit dicken schwarzen Beeren. In den Kräuterbüchern wird der Attich als sehr giftig beschrieben. Doch die Kemender wussten sich zu helfen und sie konnten den als giftig geltenden Attich so verarbeiten, dass er unbedenklich genießbar wurde. Sie machten daraus einen heilsamen Brei bzw. Saft, der bei Erkältungskrankheiten als Medizin für die Atemwege eingenommen wurde.
Vor Beginn der Aktion trafen sich alle, die mitmachen wollten und es wurde ein Plan gemacht und vereinbart, wer zum Huller schneiden geht, wer die geschnittenen Dolden heimfährt und wer kocht. Bei unserem letzten Urlaub habe ich gesehen, dass an den Hängen neben der Straße von Kemend nach Petschwar eine große Menge Ottich bzw. Huller wächst und da ist mir die Geschichte vom Hullerbreikochen wieder eingefallen und mit welcher Begeisterung wir Kinder dabei waren.
Schon das ganze Jahr über merkte man sich die Plätze, wo viel Huller wächst. Wenn die Beeren reif waren, ging schon am frühen Morgen eine Gruppe Frauen, mit Eimern, Körben und Messern ausgerüstet, zum Huller schneiden. Die abgeschnittenen Dolden wurden in bereitstehende Fässer gefüllt. Oft war diese Arbeit auch sehr mühsam, da der Huller überwiegend an Hängen wächst.
Die Männer kamen mit Pferd und Wagen zum Abholen der Ernte und brachten sie zu den Köchinnen. Auch für die Jugendlichen war das Hullerbreikochen eine interessante und lustige Arbeit. Sie bildeten natürlich eine Extra-Gruppe, die Mädchen haben den Huller geschnitten und die jungen Burschen sorgten für den Transport. Ich hab mir erzählen lassen, dass dies sehr lustige Stunden waren und mancher Schabernack dabei getrieben wurde. Ganz hinten im Hechwald, auf der rechten Seite, war vor einem Keller ein großer freier Platz. Dort waren ca. acht große Kessel aufgestellt und zu jedem Kessel war eine Köchin eingeteilt.
Der Huller wurde durch eine Presse getrieben. Dann musste der Saft stundenlang gekocht und gerührt werden. Der Saft bildete anfangs ziemlich viel rötlichen Schaum und dieser musste immer wieder abgeschöpft werden. Der Hullersaft musste so lange gekocht und gerührt werden bis er keinen rötlichen Schaum mehr entwickelte. Vermutlich wurde mit dem Schaum die giftige Substanz aus dem Attich herausgekocht. Bei meinen Nachforschungen hat mir eine Frau aus Kemend erzählt, dass der Saft mindestens sieben Stunden gekocht werden muss, damit er genießbar wird. Oft wurde noch viel länger und oft auch die Nacht über gekocht und gerührt. Es war eine sehr schwere Arbeit. Auch die Frauen, welche beim Schneiden waren, mussten sich anstrengen, damit sie immer Nachschub liefern konnten, wenn die Männer wieder mit ihren Pferdewagen kamen.
Wir Kinder waren natürlich immer dabei, durften jedoch nicht zu nahe kommen, da der Saft sehr heiß war und beim Rühren spritzte. Wenn der Hullerbrei fertig war, wurde er zu gleichen Teilen an die beteiligten Familien verteilt. Und das ging so: Die Beteiligten stellten sich in einem großen Kreis auf. Jeder hatte ein Gefäß bereit. Die Köchin ging mit einem großen Schöpflöffel reihum und versuchte den Hullerbrei gerecht zu verteilen. Wenn die Kessel leer waren, kam die große Stunde für uns Kinder, auf die wir schon lange warteten. Ausgestattet mit Weißbrot durften wir die Kessel austunken. Wir waren verschmiert von einem Ohr bis zum anderen.
Ich kann mich noch erinnern, dass meine Mutter den zugeteilten Saft in einer Milchkanne mitgenommen hat und daheim wurde er in Flaschen abgefüllt. Das Produkt war sehr dickflüssig, dicker als Saft und dünner als Marmelade und so konnte man den Hullerbrei nicht aufs Brot streichen. Deshalb hat meine Mutter ein wenig von dem Hullerbrei in eine kleine Schüssel getan und ich durfte mit Weißbrot eintunken. Als Heilmittel gegen Fieber und Erkältung wurde von dem Saft getrunken. Der Hullerbrei hat einen sehr eigenwilligen, herben Geschmack und ist gewöhnungsbedürftig. Doch wer ihn, wie ich, bereits als Kind kennengelernt hat, dem ist der Geschmack vertraut und es ist eine schöne Erinnerung an eine wunderbare Zeit in Kemend, zu der das „Hullerbreikochen“ und das ganze Drumherum einfach dazugehörten.
Elsa Koch
Aus dem Inhalt
Nachhaltigkeit als Strategie: Neue Anlagen am Valeria-Koch-Bildungszentrum übergeben
Durch eine neue Küche, einen Speisesaal und drei neue Klassenzimmer wurde das Valeria-Koch-Bildungszentrum in Fünfkirchen vergrößert. Zur feierlichen Übergabe der neuen Anlagen kam es am 8. Oktober. Die Erweiterung der Bildungseinrichtung, die zwei Kindergärten, eine Grundschule, ein Gymnasium, ein Schülerwohnheim und ein pädagogisches Institut beherbergt, und deren Träger die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen ist, nahm vor einem Jahr ihren Anlauf. Die Baukosten wurden mehrheitlich aus Eigenanteil getragen, ergänzt durch Fördermittel des Ministeriums für Humanressourcen und des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat.
Josef-Wenczl-Gedenkabend in Werischwar
Vor vier Jahren verlor die ungarndeutsche Tanzbewegung den begnadeten Tanzgruppenleiter und „Starchoreographen“ Josef Wenczl (1945 – 2014). Schon zum vierten Mal veranstaltet die Werischwarer Tanzgruppe anlässlich des Todestages ihres langjährigen Leiters einen Gedenkabend, bei dem am 13. Oktober die Musikkapelle „Die Bergländer Buam“ und die Gasttanzgruppe aus Großdorf mitwirkten. Durch das über zweistündige Programm im vollbesetzten Haus der Künste führte zweisprachig Andrea Peller.
Taks: Minderheitenselbstverwaltung im Brennpunkt
Gyöngyi Bálint, Vorsitzende der Deutschen Selbstverwaltung in Taks/Taksony, ist seit Jahrzehnten sehr engagiert, was das Ungarndeutschtum in ihrem Heimatort angeht. Die Pädagogin ist mit Herz und Seele dabei, damit nicht nur der Volkskundeunterricht, sondern auch das Vereinsleben im Ort für die Kinder verlockend ist. Durch gute Erfahrungen sollen so auch die örtlichen Bräuche erhalten bleiben. Mittlerweile erschweren ihre Arbeit in der Deutschen Selbstverwaltung auch Spannungen mit der Gemeindeselbstverwaltung.Zu diesen Spannungen nimmt auch Bürgermeister László Kreisz Stellung.
Mit Pro Cultura Minoritate ausgezeichnet
Die Auszeichnung Pro Cultura Minoritate verlieh dieses Jahr der Minister für Humanressourcen Prof. Dr. Miklós Kásler an 13 Personen und Organisationen. Die Auszeichnungen überreichten am 12. Oktober im Budapester Urania-Kino Staatssekretär Miklós Soltész und Vizestaatssekretärin Langerné Victor Katalin. Es gibt gleich drei ungarndeutsche Ausgezeichnete: den Ungarndeutschen Traditionspflegenden Kulturverein aus Nadwar, die Deutsche Nationalitätenblaskapelle Werischwar und Maria Tóth-Bencze aus Wudersch.
Fortbildung auf dem höchsten Punkt Budapests
Der Johannisberg ist mit 528 Meter über dem Meeresspiegel der höchste Punkt und gleichzeitig der schönste Aussichtspunkt der Hauptstadt. Seine charakteristische Form kann man schon aus der Ferne sehen, egal, aus welcher Richtung man sich Budapest nähert. Mit dem Elisabeth-Aussichtsturm an der Spitze – der nach der Königin Elisabeth (Sisi) benannt wurde – war und ist dieser Berg auch heute noch, nicht nur unter der haupstädtischen Bevölkerung, sondern auch unter den Ausländern sehr beliebt.
Saarer „Dissidenten“
Ganz selten kann man darüber lesen, wie die Geschehnisse der Revolution von 1956 unsere Volksgruppe getroffen haben. Kaum Informationen darüber, ob und warum die Jugend Richtung Westen das Land verlassen hat.
Fortbildung von ungarndeutschen Jugendvertretern: Bewerbungen
Nach dem ersten Fortbildungstag für Jugendliche am 16. Juni in Budapest, wo es sich um die Gründung und die Finanzen der ungarndeutschen Vereine handelte, wurde beim zweiten Teil der LdU-Fortbildungsreihe am 6. Oktober der nächste Schritt als Thema ausgewählt, und zwar die verschiedenen Bewerbungsmöglichkeiten, die Vereinen offenstehen.
GJU: Strategisches Wochenende in Waschludt
Das GJU-Präsidium sowie das Multiplikatorenteam haben ihr diesjähriges teambildendes Wochenende im wunderschönen Bakonyer Wald, im Komitat Wesprim verbracht. Der konkrete Schauplatz war der romantisch gelegene, renovierte Iglauer Park in Waschludt, der uns auch super gut gefallen hat. Das Ziel der Versammlung war die Auswertung der bisherigen Programme und der aktuellen Lage unserer Organisation sowie die Entscheidung über unsere Programmreihe für das kommende Jahr. Eines der Hauptthemen war die Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr 2019 – 30 Jahre GJU.
Die nächste Ausgabe der Neuen Zeitung erscheint am 2. November.



Der Blick in vielschichtige Arbeitsbereiche: von der Gesetzgebung bis hin zur bildenden Kunst
/in Neue Zeitung, NZ 37/2017 /von BachDorottyaDen Namen von Gregor Gallai kennen alle, die schon mit dem Kabinett des Sprechers der Ungarndeutschen, Emmerich Ritter, in Berührung kamen. Der Sachverständige für Nationalitätenpolitik, der Leiter des Kabinetts, an der Seite des Sprechers der Ungarndeutschen ist Jahrgang 1975 und ist in Budapest geboren. Er studierte an der Pädagogischen Hochschule in Budapest, lebt im Donauknie und arbeitete lange Zeit in Sankt Andräer Galerien. Über seine Tätigkeiten, über die Wahlvorbereitungen und über seine Nähe zur bildenden Kunst sprach NZ mit ihm.
Niveaupreis „Für das Ungarndeutschtum in der Tolnau“ und Babits-Preis
/in Neue Zeitung, NZ 36/2017 /von BachDorottyaDer Niveaupreis des Verbandes der Deutschen Nationalitäten-Selbstverwaltungen der Tolnau „Für das Ungarndeutschtum in der Tolnau“ wurde am 1. September an Reiner E. Rogowski (Pulsnitz) und an Tibor Németh (Großmanok) verliehen. Die Auszeichnungen wurden im festlichen Rahmen beim Komitatstag im Kulturzentrum der Stadt Tolnau/Tolna überreicht.
Gedenktafel an der Grauen Kaserne in Pirna erinnert an die Vertreibung der Ungarndeutschen
/in Neue Zeitung, NZ 35/2017 /von BachDorottyaAm 22. August 1947 kam der erste Transport mit 1500 vertriebenen Ungarndeutschen in der Grauen Kaserne in Pirna an. Nachdem die Amerikaner die Vertreibung in den Westen gestoppt hatten, wandte sich die ungarische Regierung an die Sowjetregierung mit der Bitte, weitere 50000 Ungarndeutsche in die Sowjetische Besatzungszone transportieren zu dürfen. Von ihnen sind etwa 40000 in Sachsen gelandet. Zu ihren Ehren wurde in Pirna eine Gedenktafel enthüllt.
Wo meine Wiege stand – Wiedergefunden nach 71 Jahren
/in Neue Zeitung, NZ 33-34/2017 /von BachDorottyaVon der Schule in Kemend bis zur Kreuzung in der Hauptstraße hatten Anna und Elsa denselben Heimweg. Die zwei kleinen Mädchen, Drittklässler, verabschiedeten sich und Anna ging geradeaus in die „Krowoddegass“ und Elsa nach links, in den „Hechwald“. So geschah es auch am Freitag, den 17. November 1944. Unbeschwert und nicht ahnend, dass dies der letzte gemeinsame Heimweg von der Schule ist, nicht ahnend, dass sich morgen alles ändern wird und nichts mehr ist wie bisher und dass sie sich erst nach 71 Jahren wieder sehen würden…
10. Heimattreffen in Metschge
/in Neue Zeitung, NZ 33-34/2017 /von BachDorottyaNicht nur die Sehnsucht ehemaliger Einwohner kam am 12. August in die kleine Branauer Gemeinde Metschge heim. Die beiden Selbstverwaltungen und der Freundeskreis der Siedlung hatten alle ehemaligen Metschger zum zehnten, also zum ,,Jubiläumsheimattreffen“ eingeladen.